Eine Geschichte von vielen.

Jürg verlässt gerade sein Haus, mit Regenschirm und Pullover – die Meteo-Dame hat Gewitter angekündigt. Jürg hat drei Grosskinder, hat sein Leben damit verbracht, mit Leidenschaft und Geduld Möbel zu schreinern und er liebt Schwarzwäldertorten. Als er die Strasse Richtung Dorf entlangschlendert, deren Weg er seit knapp drei Jahrzehnten kennt, wird er plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, als in seinen Augenwinkeln etwas zu Boden fällt. Jürg dreht sich um, und sieht, wie auf der anderen Strassenseite ein Mann und ein Velo, dessen Rad sich immer noch dreht, am Boden liegen.

Erstarrt vor Schreck steht er da. Er steht einfach nur da. Er steht, er atmet. Bis er plötzlich realisiert, was passiert ist und sein Körper wie in Trance beginnt, zu handeln. Er rennt über die Strasse. Er überprüft Atmung und Herzschlag. Nichts. Er greift nach seinem Handy und alarmiert. Er ruft nach Hilfe. Dann kniet er sich auf den Boden und beginnt, so wie er es vor über 10 Jahren einmal gelernt hatte, mit einer Reanimation, von der er eigentlich keine Ahnung hat. Und trotzdem will er es versuchen. Er denkt an die Eltern dieses Mannes. An die Kinder. An die Freunde. Er will es versuchen.

Er reanimiert, bis er kaum noch Luft bekommt und er hört nicht auf. Er reanimiert, während er die Sirene näher kommen hört und er hört nicht auf. Er hört erst auf, als sich ein Rettungssanitäter neben den bewusstlosen Mann setzt und sich mit einer kurzen, dankenden Geste Jürg zuwendet. Velounfall durch Herzinfarkt. Jürg hält für einen Moment inne und steht dann auf. Er steht da, als die Ambulanz wegfährt. Und er steht da, als alles wieder wie vorher aussieht - und trotzdem fühlt es sich ganz anders an.

Jürg ist ein Lebensretter.

Die Geschichte zu Ende, das Leben geht weiter. Kathrin hatte Nachtschicht, und gerade erledigt sie letzte Handgriffe, um in ihr wohlverdientes Wochenende zu gehen. Kathrin ist Chirurgin. Sie macht ihren Beruf so gut, wie sie ihn macht, weil sie weiss, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite der OP-Türe zu stehen. Wie es ist, Menschen zu verlieren. Sie hat zu Hause zwei Schildkröten namens Jaqueline und Gideon und sie lacht nur selten. Sie kommt aus der grossen Glastüre des Spitals als ihr Telefon klingelt. Ein Notfall. Mann mit Herzinfarkt. Saal 2.

Kathrin kennt diese Momente. Innerhalb von Sekunden ist die Müdigkeit verschwunden - ihr Fokus gilt dem Notfall, ihre Energie dem Retten dieses Mannes. Sie rennt zu Saal 2 und tritt über die Türschwelle. Hier ist sie in einer anderen Welt. In einer Welt, in der sie genau weiss, was zu tun ist. Hier hat sie das Sagen und zu entscheiden, was passiert. Alle Handbewegungen werden mit höchster Präzision ausgeführt. Sie hat alles unter Kontrolle.

Der Eingriff vorbei, das Bett mit dem Mann aus Saal 2 wird in ein anders Zimmer gerollt. Die Spannung lässt nach, und Müdigkeit überfällt Kathrin. Es sind genau diese Momente, die sie am meisten hasst. Die Momente, in denen ungewiss ist, ob ihr Einsatz einem Menschen das Leben retten konnte oder ob es schon zu spät war.

Und doch hat sie ihr Möglichstes getan, um diesen Mann zu retten.

Kathrin ist eine Lebensretterin.

Die Geschichte zu Ende, das Leben geht weiter. Der Mann vom Velounfall, der Mann mit dem Herzinfarkt, der Mann von Saal 2 – er heisst Sebastien.

Sebastien ist tot. Hirntot. Seine Organe funktionieren, sein Gehirn nicht. Genau das stellen die Ärzte nach dem Eingriff fest. Wegen des langen Sauerstoffmangels sind grosse Teile seines Gehirns abgestorben.

Aus diesem Zustand wird Sebastien nie mehr aufwachen.

Seine Geschichte zu Ende, das Leben geht weiter. Tamara hat gerade Mittagspause. Sie sitzt auf ihrer Lieblingsbank mit ihrem Lieblings-Sandwich. Tamara ist im zweiten Monat schwanger, ihre Eltern sollen bald davon erfahren. Sie möchte gerne mit ihrem Mann nach Irland reisen und sie liebt es, wenn es draussen blitzt und donnert.

Dann ein Telefonanruf. Ihr Mann, er ist tot. Sebastien ist tot.

Tamara sitzt minutenlang regungslos da. Das ist alles viel zu viel. Da ist diese Nachricht und so viel Schmerz. Ein «ich kann es nicht fassen» und so viel Wut auf die Welt. Ein inneres Toben und aussen ein ausdrucksloses, blasses Gesicht. So viele Emotionen und trotzdem ist plötzlich alles ganz leer. Sebastien wird nicht da sein, wenn sie nach Hause kommt, nicht da sein, wenn ihr Kind das erste Mal weint und er wird nie wieder da sein, um ihre Hand zu halten.

Ihr Mann, Sebastien, ist tot. Und Sebastien ist ein Lebensretter.

Und Sebastien ist ein Lebensretter - er ist Organspender.

Dank seiner Entscheidung zum Thema Organspende werden seine Organe an Menschen gespendet, die ohne neues Organ nicht überleben würden. Menschen, die mit Sebastiens Organen eine Zukunft haben.

Die Geschichte zu Ende, das Leben geht weiter. Nicht Sebastiens, aber das deren, die dank Sebastien leben werden. Und das deren, die jetzt mit seinem Tod leben müssen. Dank seinem Entscheid zum Thema Organspende müssen nicht seine Mitmenschen diese schwere Entscheidung übernehmen. Sie haben die Chance, sich auf das so viel Wichtigere zu konzentrieren.

Abschied zu nehmen.

Entscheide dich für oder gegen eine Organspende. Aber entscheide dich - und teile deinen nächsten Menschen diese Entscheidung mit. Denn für sie wird die Geschichte auch nach deinem Tod weitergehen – nimm ihnen die Entscheidung der Organspende ab und gib ihnen so die Zeit, Abschied zu nehmen.